30.07.2018

Wie konsequent muss ich sein?

Mutter mit Kind Blogartikel 2.jpgGlaubenssätze wie der, dass konsequent sein in der Erziehung von Kindern sehr wichtig ist, sind weiterhin sehr aktuell. „Wenn du nicht konsequent genug bist, tanzen dir deine Kinder irgendwann auf der Nase herum!“ Hat sicher jeder schon mal gehört. Gehorsam sein. Wollen wir das noch? Oder ist dieses Wort bereits zu veraltet? Liebevolle Konsequenz für Verhaltensweisen die wir als unangemessen betrachten. Oder logische Konsequenz. Beide Begriffe höre ich immer wieder. Das hat ja was mit Kontrolle zu tun. Wir Eltern wollen etwas durchsetzen, dazu müssen wir konsequent sein. Die Frage dabei ist doch: Müssen wir das? Muss ich mich gegen mein Kind tatsächlich durchsetzen und konsequent sein? Elternratgeber, Lehrer, Ärzte fordern Eltern auf, klare Regeln aufzustellen und diese durchzusetzen. Kein Wunder, dass so der Eindruck entsteht unsere Qualität als Eltern würde davon abhängen, wie konsequent wir etwas durchziehen.

Wie konsequent muss ich sein?
Ich möchte dabei auf zwei Argument aus folgendem Artikel eingehen:
https://www.elternwissen.com/familienleben/harmonie-familie/art/tipp/kindererziehung-kinder-liebevoll-und-trotzdem-konsequent-erziehen.html

“Es ist eine wichtige Entwicklungsaufgabe für ein Kind in den ersten Lebensjahren, Regeln verstehen und dann auch befolgen zu lernen” 

Wir packen gewünschtes Verhalten von unseren Kindern in Regeln, um sie und das Familienleben besser im Griff zu haben. Regeln innerhalb einer Familie aufzustellen, damit Konflikte erst gar nicht entstehen oder um Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen funktioniert so nicht. Es lässt wenig Raum für Flexibilität und Individualität und gerade diese spielen in Beziehungen eine wichtige Rolle. Das Aufstellen von Regelkatalogen innerhalb Familien gestaltet sich gerade für Eltern sehr anstrengend weil sie ständig damit beschäftigt sind zu kontrollieren ob diese Regeln auch eingehalten werden. Oft folgt bei nicht Einhaltung dann eine Sanktion. Die Beziehung wird geschädigt, weil die einzige Möglichkeit Regeln durchzusetzen, Gewalt ist. Gewalt ist schädlich, das wissen wir und sie geht auf Kosten der Beziehung zu unseren Kindern. Außerdem ist Gewalt als Mittel in der Erziehung verboten. Wo Menschen zusammen leben braucht es Absprachen und Regelungen, das ist keine Frage.  Was wir nicht brauchen sind künstlich aufgesetzte Regeln, um der Regel willen. Dialoge und eine Authentizität der Eltern bereichern die Beziehung. Wir können gemeinsame flexible Regelungen und Absprachen innerhalb der Familie treffen, um gut miteinander leben zu können. Wir können gemeinsame Rituale entwickeln, die unser Familienleben bereichern, die uns ein Miteinander schenken und uns Orientierung bieten. Gehorsamkeit, Kontrolle und die damit verbundenen Sanktionen beeinträchtigen die Entwicklung unserer Kinder massiv.

“Ab einem Alter von zwei bis drei Jahren sind natürliche Konsequenzen die beste Möglichkeit, Ihrem Kind Grenzen aufzuzeigen.  Kinder begreifen am ehesten, was richtig und was falsch ist, wenn sie die Folgen ihres Tuns unmittelbar zu spüren bekommen. Je jünger Ihr Kind ist, umso schneller muss diese Verknüpfung erfolgen. Hat es zum wiederholten Mal sein Apfelschnitz auf den Boden geworfen, bekommt es keines mehr. Eine kurze Erklärung genügt: „Ich sehe, du möchtest keinen Apfel mehr. Dann packe ich den Rest jetzt weg.“ Für den Fall, dass Ihr Kind gerne noch weiter gegessen hätte, wird es sich schnell merken, dass es den Apfel lieber in den Mund stecken sollte, wenn es nachher noch ein Stück möchte. Wenn Ihr Kind auf dem Spielplatz wiederholt andere Kinder stört, lautet die logische Konsequenz: „Wir gehen heim!“  Sie können sicher sein, dass Ihr Kind in der Lage ist, seine Schlüsse daraus zu ziehen. Sie brauchen gar nicht laut zu werden oder zu schimpfen!”

Ich musste den ganzen Absatz hier rein packen, weil ich es echt krass finde und es mir am Herzen liegt das aufzuklären. Zum einen sind Kinder Teamplayer. Sie tun nie etwas weil sie gegen uns sind oder uns schaden wollen. Zum anderen lernen Kinder nicht, was „Richtig und was Falsch“ ist, indem wir ihre Grenzen überschreiten. Alles was sie dabei lernen ist, dass es ok ist die Grenzen des anderes zu ignorieren. 
Wir sind es gewohnt ausschließlich auf die Verhaltensebene zu schauen, dadurch können wir die tatsächlichen Bedürfnisse des Kindes nicht mehr wahrnehmen. 
Warum „stört“ es andere Kinder? Will es mitspielen? Möchte es das Spielzeug haben, welches die anderen Kinder haben? Was liegt dahinter? Wenn wir lernen genau hinzuschauen, sehen wir die Bedürfnisse und können alternativ handeln. Wir müssen die Grenzen unserer Kinder nicht überschreiten und ihnen ein schlechtes Gefühl dabei vermitteln. Es ist wichtig, das wir wissen, dass jedes Verhalten einen Sinn hat und dahinter liegende Bedürfnisse, die es gilt zu erkennen. Was nicht bedeutet, dass diese immer gestillt werden können aber erkannt und gesehen. Die Tipps im Artikel beziehen sich rein auf die Verhaltensebene und lassen die Beziehung zum Kind außen vor. Bei dem Versuch Dinge durchzusetzen, tun wir Eltern manchmal Dinge die unsere Kinder kränken, verletzen und enttäuschen. Infolgedessen entwickeln Kinder Wut, Ärger und Traurigkeit, welche wir dann häufig als „Trotz“ auslegen.

„Grenzen aufzeigen“ verhindern Beziehungen

Wenn wir uns nun also der Situation mit dem Apfel widmen und dabei wissen, dass Kinder Teamplayer sind und keine ihrer Handlungen gegen uns gerichtet, können wir alternativ handeln. Dies könnte so aussehen:
* Wir lassen unser Kind auf dem Boden weiter essen
* Wir lassen den Apfel, Apfel sein und heben ihn später auf
* Wir machen mit dem Kind etwas ganz anderes
* Wir geben dem Kind etwas anderes zum runter schmeißen
Wir Eltern können uns davon frei machen, unsere Machtposition (die nun mal da ist) einsetzen zu müssen. Wir müssen das nicht. Wir müssen keine Angst davor haben, dass aus unseren Kindern nichts wird, wenn wir sie in ihren Gefühlen begleiten, anstatt ihre Grenzen zu überschreiten. Im Gegenteil. Kinder lernen, die Grenzen ihres Gegenübers zu wahren, wenn ihre eigenen gewahrt werden. Sie erfahren, dass ihre Signale und Bedürfnisse ernst genommen werden und dass sie es wert sind, gehört zu werden.
Das Einsetzen unserer elterlichen Macht führt zu einem destruktiven Machtkampf, der meistens im Geschrei endet.

Aber soll ich denn dann alles durchgehen lassen?

Es gibt sooooooo viele natürliche Grenzen, auf die wir in unserem Leben stoßen. Da müssen wir Eltern keine künstlichen einsetzen, damit unsere Kinder etwas lernen. Unser Leben ist voller Grenzen, die unsere Kinder täglich erleben. Und das frustriert manchmal. Wir brauchen nicht durch noch mehr (künstliche) Grenzen noch mehr Frust erzeugen, sondern unsere Kinder in ihren Gefühlen begleiten.
Was wir oft mit Grenzen setzen meinen, sind Dinge, die wir nicht zulassen wollen. Das sind Dinge, die bei jedem Menschen unterschiedlich sind. Jeder Mensch hat eigene Grenzen und muss diese kennen, um sie dem Kind vermitteln zu können. Wir können sie kommunizieren, indem wir uns zeigen. Indem wir präsent sind und uns in unserer echten Persönlichkeit unseren Kindern gegenüber öffnen. Wir können von unseren Gefühlen sprechen und dabei unsere eigene Integrität achten. Und gemeinsame Lösungen finden. Flexibel sein und nicht an starre Regelkataloge gebunden. Eigene Grenzen zu kennen und sich wertschätzend zu positionieren, während wir die Grenzen unserer Kinder achten, ist eine sehr lohnenswerte Herausforderung.

Nina - 08:24 @ Wie konsequent muss ich sein? | 1 Kommentar